Speculations on Anonymous Materials
James Richards

James Richards The Screen, 2013, © Foto: Achim Hatzius

Was zunächst wie eine bloße Kratzspur aus zerstörten, hastig aufgeriebenen Papierfasern anmutet, nimmt in James Richards’ Videoarbeit Rosebud Schnitt um Schnitt, Einstellung um Einstellung eine bildliche Form an. So gibt sich das Gezeigte als Fotografie auf den Seiten eines Bibliothekbuches zu erkennen, deren erotische Dimension manuell und aufwendig zensiert wurde. Von einer ebenfalls zensierten Arbeit Robert Mapplethorpes führen uns Richards’ Schnittfolgen zu einem verstörten Wellensittich, der sich – gebadet in Stroboskoplicht – aus dem Griff einer menschlichen Hand zu befreien versucht. Solch hochästhetische Eindrücke von Brutalität treffen in Rosebud auf die kühle Anmut und Fragilität einer Holunderblüte, deren intime Berührung männlicher Haut Reaktionen hervorzurufen vermag, die zwischen Anziehungskraft und Unbehagen changieren.

In einer Kombination aus found footage, abgefilmtem Bildmaterial und eigenen Aufnahmen verwickelt Richards’ Arbeit ihre Betrachter in ein Spiel der Assoziationen. Wie eine Traumsequenz ist Rosebud beherrscht von einer hypnotischen Poetik, in welcher selbst das Licht und die Oberflächen anonymer Materialien zu atmen und pulsieren, ihre eigene Rhythmik zu besitzen scheinen. Dieser Rhythmus des vermeintlich Nebensächlichen findet sich auch in Richards’ Sound-Kompositionen aus Hintergrundgeräuschen wieder, die sich wie ein zusätzlicher Takt mit dem Gezeigten verbinden.

Richards’ Kamera transformiert ihre Objekte. Dabei nutzt der Künstler hochauflösende Technologien, um eine Landschaft aus Texturen zu erschaffen, in der unser Blick von rätselhaften Oberflächen zu immer neuen Kompositionen kultureller Bezüge gelenkt wird. Richards’ Kamera nähert sich dieser historischen Bricolage mit dem digital geschulten Blick der Gegenwart. Indem er die unterschiedlichsten Schichten und Ebenen seiner Bilder freilegt, befreit er diese von der Ideologie ihres ursprünglichen Mediums und entlockt ihnen ambivalente Wirkungen.

 

*1984 in Cardiff, Großbritannien, lebt in Berlin, Deutschland

James Richards The Screen, 2013, © Foto: Achim Hatzius

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James Richards The Screen, 2013, © Foto: Achim Hatzius

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